Egal ob Claudia Pechsteins Sperre Bestand hat: Doping-Experten setzen voll auf das Blutprofil. Ein neues WADA-Papier, das ZDFonline vorliegt, hat jetzt Regeln für dessen Zukunft aufgestellt.
Olympische Spiele in Sydney. Cathy Freeman, Ian Thorpe, Nils Schumann - fast zehn Jahre ist das mittlerweile her. Schon damals hatten australische Forscher ein Blutprofil entwickelt. Doch noch immer ist kein Sportler nur anhand eines solchen Profils überführt worden. Denn es ist extrem schwierig, manipulierte von natürlichen Veränderungen zu unterscheiden und Doping gerichtsfest nachzuweisen. Experten verbinden mit dem Profil dennoch allergrößte Hoffnungen.
Die Stärke des Blutprofils, auch Athletenpass genannt, ist gleichzeitig seine Schwäche: Individualität. Da die Schwankungen der einzelnen Blutwerte extrem groß sind, müssen lange, individuelle Untersuchungen durchgeführt werden. Es reicht nicht aus, einfach die Mittelwerte einer bestimmten Gruppe zu nehmen. Und nähme man die breiten Schwankungen der großen Masse zum Maßstab, wären die Grenzwerte so weit, dass viele Doper noch im Normalbereich lägen. Deshalb nehmen die Doping-Jäger von jedem Athleten oft weit über ein Dutzend Kontrollproben, bis sie sich auf individuelle Grenzwerte für diesen Athleten festlegen.
Aber was ist, wenn der Athlet schon bei den Kontrollproben gedopt war? Andreas Breidbach, lange Jahre Analytiker im WADA-Labor von Los Angeles, sieht darin ein großes Problem. "Wenn ein Athlet mit nicht nachzuweisendem Eigenblutdoping während der Kontrollproben immer einen hohen Wert hat, wird auch sein Referenzwert für das Blutprofil so hoch eingestellt", sagt Breidbach. "Und dann kann er auch mit Blutprofil weiter fleißig dopen." Deshalb werden neben den individuellen Werten für das Blutprofil auch Durchschnittswerte größerer Gruppen ermittelt, um geschickten Betrügern doch noch auf die Schliche zu kommen.
Überhaupt sind die Berechnungen für das Blutprofil komplizierter als es von außen wirkt. Vier verschiedene Blutwerte messen die Analytiker pro Blutprobe: Hämatokritwert, Hämoglobinkonzentration, Erythrozytenzahl und Retikulozyten. Daraus werden sechs weitere Werte abgeleitet. Das gesamte Bild lässt dann Schlüsse auf Manipulationen zu, wie Professor Walter Schmidt von der Universität Bayreuth erklärt.
Der Entwurf dieser 30 Seiten starken Richtlinie, die vor wenigen Tagen fertig gestellt wurde und ZDFonline vorliegt, soll ein Rahmen sein für den zukünftigen Umgang mit Profilen. Sie enthält erstmals eine klare und zum Großteil verbindliche Handlungsanweisung für die Verbände, welche Vorgaben beim Blutprofil einzuhalten sind (siehe verlinkter Text). Die WADA scheint überzeugt: Ohne Blutprofil geht bald gar nichts mehr.
Schon jetzt legen neben den Eisschnellläufern die Verbände der Radsportler, der nordischen Skisportler, der Biathleten und der Leichtathleten zum Teil schon über einen längeren Zeitraum Blutprofile an. Ausschließlich auf Grundlage des Profils wurde bisher aber nur Claudia Pechstein gesperrt. Andere Verbände haben die Werte bisher vor allem für gezieltes Testen genutzt. Hinzu kommen interne Blutpässe einiger Rad- oder Triathlonteams, die jedoch deutlich weniger aussagekräftig sind. Im Juni hatte der CAS die Entlassung von Wladimir Gusew aus dem Team Astana aufgrund auffälliger Blutwerte des internen Blutprogramms als rechtswidrig eingestuft. Astana musste Gusew Gehalt, Gerichtskosten und Schadensersatz zahlen.
Dennoch: Die Blutprofile der WADA halten Experten für den einzig möglichen Weg im Anti-Doping-Kampf, egal wie das Pechstein-Verfahren letztlich ausgeht. "Die Methode kommt so oder so. Die ist zukunftsträchtig und die brauchen wir auch", sagt WADA-Anwalt Marius Breucker, der im Fall Pechstein die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft vertritt.
Der Lübecker EPO-Experte Horst Pagel erklärt, dass der direkte Nachweis in einigen Bereichen einfach nicht möglich sei. "Es gibt allein 150 Sorten EPO. Und die werden nächstes Jahr wohl größtenteils von den so genannten Hif-Stabilisatoren abgelöst." Er fordert deshalb, nicht mehr allzuviel Energie in den direkten Nachweis zu stecken. "Solche Wettkampfkontrollen sollte man von heute auf morgen komplett einstellen." Damit werde nur Geld vernichtet. Und das könne man besser in den Blutpass stecken.