Das Doping-Problem im deutschen Spitzensport wird massiv unterschätzt. Mindestens sieben Prozent der jugendlichen Leistungssportler in Deutschland nutzen Doping-Mittel. Dies ist das Ergebnis einer Studie dreier Sportmediziner.
Der Mainzer Perikles Simon und seine Tübinger Kollegen Heiko Striegel und Rolf Ulrich haben 480 Athleten befragt. Die Sportler kamen überwiegend aus den von den Ländern zusätzlich geförderten D-Kadern. Die jüngsten von ihnen waren 13 Jahre alt, ihr Durchschnittsalter betrug 16. Sie blieben anonym.
6,8 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal Doping-Substanzen genommen zu haben. Wie die Forscher feststellen, übertrifft das wirkliche Ausmaß von Doping im nationalen Spitzensport die offiziellen Angaben um mehr als das Achtfache. "Das Problem wird komplett unterschätzt. Die Dunkelziffer liegt erheblich höher als offiziell dargestellt", sagt Simon.
Die Statistik der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) weist für den Zeitraum von 2003 bis 2005 bei 25.000 Tests 205 Doping-Fälle aus - das entspricht 0,81 Prozent. "Da wird dann gesagt, es gibt nur ein paar schwarze Schafe. Doch das ist blanker Hohn und der Sache nicht zweckdienlich", so Simon. "Die Behauptung, in Deutschland gebe es so gut wie kein Doping unter Leistungssportlern, ist falsch."
Der Mediziner fordert, man müsse nun dringend über Präventionsmaßnahmen für Nachwuchsleistungssportler nachdenken. Heiko Striegel von der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen meint: "Neben der Prävention ist es auch notwendig, mehr finanzielle Mittel für die Erforschung von Doping-Nachweisen bereitzustellen."
Nach Angaben von Simon werden für den nationalen Anti-Doping-Kampf 5,6 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt. "Das ist kein Hase-und-Igel-Spiel bei dieser lächerlichen Förderung", sagt Simon. In Frankreich würden pro Jahr 17 bis 18 Millionen Euro für den Kampf gegen Leistungsmanipulation aufgebracht.
Nach den alarmierenden Ergebnissen der Studie steige der Diskussionsbedarf. "Wenn man nichts tut, dann wird der Anti-Doping- Kampf ein Witz", meint Simon. Man müsse mehr Nachweisverfahren entwickeln, dann würde bei dopenden Athleten "schnell die nackte Verzweiflung" ausbrechen.